In der Gogo Bar „Abu-Na(so)was“ – ein nicht veröffentlichtes Kapitel

08. April 2015

Nasser und Omara, die beiden ‚Allrad-Tuareg‘ sind in Tripolis und melden sich, wie versprochen, bei Joe und mir. Sie wollen uns zum Essen einladen in ihr Haus auf der Gagaresh, aber ich habe eine bessere Idee: Ich möchte das in der Wüste besprochene Lokal sehen, das in der Nähe von unserem Camp sein soll – aber Joe und ich haben es nicht gefunden.

Nasser und Omara sehen einander an, als Joe ihnen mitteilt, dass sie uns die ‚Gogo-Bar‘ zeigen sollen. Sie sind einverstanden, aber nicht sicher, ob ich dort auch hinein dürfe. Wir versuchen es, und ohne Probleme bekommen wir vier einen Tisch zugewiesen. Wir setzen uns auf die weißen Plastiksessel zum weißen Plastiktisch, und jetzt soll mich bitte keiner mehr ansprechen, damit ich alles genau beobachten kann!

Das Lokal ist simpel ein großes Zelt, denn Vergnügungen dieser Art sind natürlich verboten, darum wird es oft im Eiltempo abgebaut und woanders wieder hingestellt. Das Zelt ist eines, wie es bei einfacheren Verlobungen und Hochzeiten aufgestellt wird: Der Stoff ist mit Beduinenmustern, also bunten Rauten und Vierecken bedruckt. Die Sitzgelegenheiten rund um eine Art Bühne stehen auf abgetretenen Gasbüscheln im Sand. Mitten auf der Bühne, die ein Podest aus Holz ist, ist tatsächlich eine Stange, die bis rauf zur Zeltspitze reicht. Aber das ist mir alles wurscht – ungeduldig warte ich auf die Mädchen, die tanzen werden! Nasser verweist aber auf die Zeit – es ist noch etwas zu früh, erst gegen Mitternacht werden die erscheinen. Na, ich habe Zeit! Nasser fragt, was wir trinken wollen und rattert uns die Getränkeliste vor: „Pepsi, Mirinda, Shani, Sekt.“ Sekt? Natürlich wollen wir Sekt und warten gespannt, was der Hünenkellner, der vorher Türsteher war, uns bringt … Tatsächlich ist es Kindersekt, mit Wicki (der von den starken Männern) am Etikett, dazu bekommen wir Plastikbecher. Aber wir zelebrieren die Gelegenheit, als wären wir im ‚Beverly Hills‘ in der Wiener Innenstadt und nicht im Beduinenzelt. Was spielt auch die Umgebung schon für eine Rolle …

Nasser erzählt uns jetzt eine angeblich wahre Geschichte, die sich in den 80ern zugetragen haben soll: „Amerikanische ‚Black Moslims‘ reisten nach Libyen, um Gaddafi davon zu überzeugen, dass sie in New Orleans eine Moschee bauen wollten, um ein Zeichen zu setzen. Gaddafi übergab ihnen dafür ein paar Millionen und verabschiedete sie mit Bruderküssen. Bald erfuhr man, dass die ‚Black Moslims‘ in New Orleans einen exklusiven Nachtclub eröffnet haben!“ Nasser und Omara können sich vor Lachen gar nicht mehr beruhigen …

Langsam füllt sich das Zelt mit Männern, die meisten sehen wie Hafenarbeiter aus: Sie sind ziemlich dunkel, manche tatsächlich ölverschmiert, und alle tragen Hosen, die zu groß scheinen, so schlottern sie ihnen um die Knie. Es ist mir klar, dass hier die untere Schicht herumschleicht, auch einige asiatische Gastarbeiter sind dabei. Manche entdecken mich und schauen mich entgeistert mit leeren Augen an. Joe und ich sind die einzigen weißen Nasen hier. Nach der dritten Sektflasche geht die Show los. Das Zelt ist ziemlich voll geworden, zwischen den Männern sieht man schon ein paar Frauen sitzen: Es sind stark geschminkte, dralle Asiatinnen in kurzen Glitzerkleidchen und Plateauschuhen, so hoch, dass mir schon beim Hinsehen schwindelig wird. Es gibt auch Marokkanerinnen und Ägypterinnen, die sich recht freizügig präsentieren, doch dürften selbst vermummte Einheimische versuchen, hier ein bisschen Geld zu verdienen – tatsächlich tanzt so eine an der Stange! Nicht so sexy wie in Wien, aber ich muss zugeben – es hat einen gewissen Charme, zumal ich weiß, wie es darunter aussieht!

Wir bleiben nicht mehr lange, denn ich dränge zum Aufbruch. Ich bin deprimiert und traurig über die gestrandeten Menschen, die sich solchen zweifelhaften Vergnügungen hingeben müssen. Dennoch musste ich sehen und erkunden, ob es so etwas tatsächlich hier gibt: „I have seen it, I have done it.“

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